DDR-Wohnblöcke für ab 1.071 Euro pro Wohnung zur Versteigerung

Neues Leben für „Lost Place“ in Stendal?

Wohnblöcke - Mehrfamilienhaus - in Stendal zur Versteigerung

Anderenorts wäre das ein Schnäppchen. Aber in Stendal?

10.000 Menschen haben in diesem und weiteren Mehrfamilienhäusern südlich der Bahnlinie zur Wende 1990 gewohnt, gelebt und geliebt. Heute, 35 Jahre später, ist der Großteil der 5-stöckigen Plattenbauten weg. Die anderen stehen seit mindestens 10 Jahren leer.

Stendal-Süd heißt dieser „Lost Place“.

Ist Stendal wirklich eine verlorene Stadt?

Siehst du im Verlauf des Artikels.

Ende des Monats werden Mehrfamilienhäuser per Auktion versteigert:

  • Für die Bremer Straße 2-6 mit 50 Wohnungen und einer Wohnfläche von circa 4.453 m² ist ein Mindestgebot von 95.000 Euro angesetzt.

    Würde niemand außer dir mitbieten, würden für den Erwerb pro Wohnung 1.900 Euro gezahlt. Das zahlen andere im Quartal an Miete für eine Plattenbauwohnung!

    Stendal: Bremer Straße zur Versteigerung

  • Nur 1.071 Euro wäre der Durchschnittspreis pro Wohnung im Block Hanseallee 57-65 (ungerade), 65 A und Lemgoer Straße 2, 4 und 6. Dieser größte Block beherbergt 168 Wohneinheiten mit circa 11.390 m² Fläche. Mindestgebot 180.000 Euro.

    Plattenbau in der Hanseallee Stendal

  • Der Block Hanseallee 25 bis 39 (ungerade) zählt 96 Wohnungen auf 8.313 m². Das Mindestgebot liegt bei 135.000 Euro.

    Mehrfamilienhaus in Stendal zur Auktion

  • 175.000 Euro ist das Mindestgebot für die 120 Wohneinheiten auf circa 10.545 m² in der Hanseallee 2, 2a, 4-13 (gerade), 14A.

    Abriss-Wohnhäuser in Stendal Hanseallee

Vermietung als Geschäftsmodell?

Würde es einem Investor gelingen, voll zu vermieten, würden ihm monatlich 217.228 Euro in die Kasse fließen. Jedenfalls, wenn man den durchschnittlichen Stendaler Mietpreis von 6,26 Euro pro m² bei 34.701 m² zugrunde legt. Die Quadratmeterpreise für Mietwohnungen in Stendal bewegen sich zwischen 5,10 Euro und 10,36 Euro.

Auf das Jahr gerechnet wären das 2,6 Millionen Euro!

Aber ist das realistisch?

Dass man mit Vermietungen gutes Geld verdienen kann, ja.

Ob diese Wohnblöcke den Weg zu einem Erfolg für 434 Mietparteien und einem privaten Investor führen, ist völlig offen, denn:

  1. Bei 10 Jahren Leerstand, ungepflegten Anlagen mit teilweise Vandalismus müsste man erst einmal viel Geld in die Hand nehmen, um die Wohnungen vermietbar zu machen.
  2. Der Stendaler Stadtrat hat im Jahr 2000 vor dem Hintergrund der Bevölkerungsabwanderung beschlossen, das Wohngebiet Süd aufzugeben und zurückzubauen. Natürlich kann die Stadt nur eigenes Eigentum zurückbauen. So sind in der Vergangenheit die Hälfte der Häuser sowie Außenanlagen, Parkplätze und teilweise weitere Infrastruktur verschwunden. Beispielsweise die Fernwärme.
  3. Werden mehrere Hundert Wohnungen im Plattenbaustil vermietbar sein?

Werfen wir ein Blick auf die Stadt

Stendal ist die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises im Nordosten des Landes Sachsen-Anhalt. Die Kreise in Sachsen-Anhalt wurden 1994 nach Anzahl der Bevölkerung gebildet. Je mehr Menschen, umso kleiner die Fläche des Kreises. Der Landkreis Stendal ist der flächenmäßig Größte. Rund 107.000 Menschen leben im Kreis. In der Kreisstadt sind es knapp 38.000.

Die höchste Nachfrage und die höchsten Mietpreise erzielen renovierte Wohnungen in der Stendaler Innenstadt. 10 Minuten Fußweg bis zum ICE-Bahnhof.

ICE Bahnhof Stendal

Ohne Umstieg ist der Flughafen Frankfurt am Main erreichbar, was ich letzten Herbst für meine USA-Reise sehr schätzte.

Plattenbau-Stadtteil „Stadtsee“

Vom Bautyp vergleichbare Wohnungen gibt es im Stadtteil „Stadtsee“. Zum Großteil gehören sie der stadtstaatlichen Stendaler Wohnungsbaugesellschaft mbH (SWG) oder der Wohnungsbau-Genossenschaft „Altmark“ eG. (WBGA).

Stendal Stadtsee 3

Wohnblock in der Albrecht-Dürer-Straße. Hier wohnt niemand mehr. Geparkt ist ein Uralt-Bus mit russischen Kennzeichen. Vereinzelt kreuzen Menschen aus benachbarten Blocken den Weg. Deutsch wird hier kaum gesprochen.

SWG

Die SWG verweigerte sich einem Gespräch, sowie auch nur einfachen Auskünften.

Auf ihrer Webseite schreibt sie, dass sie bis zum Jahr 2013 etwa 3.000 Wohnungen zurückgebaut hat und jetzt noch über 4.000 Wohneinheiten verfügt. Der Leerstand läge bei unter 7 Prozent.

Schaut man sich auf Google Street View die vielen leeren Parkplätze und noch weniger Gardinen an den Fenstern vor einigen SWG-Blöcken an, darf vermutet werden, dass die veröffentlichten Zahlen das Bild nicht korrekt wiedergeben. Darüber hinaus wurde unserer Redaktion zugespielt, dass die SWG sehr wohl weiterhin Rückbau betreibt. Entsprechend berichtete die Volksstimme und AZ-online.

Stendal mit schrumpfenden Häusern

Großes Bild: Google Street View vom April 2022. Kleines Bild vom März 2025. Den Blöcken wurden die oberen beiden Etagen genommen und modernisiert. Briefkästen gibt es noch für 10 Wohnungen pro Block. Wohnungen sind es 6. Für mehr Mieter scheint die Maßnahme nicht gesorgt zu haben, aber prozentual ist der Leerstand kleiner geworden.

WBGA

Offen für ein Gespräch war die WBGA, die ihren Mitgliedern gehört. Auch sie haben in den letzten Jahrzehnten Wohnblöcke abgerissen. Statt weiter die Platte platt zu machen, gibt hier gemeinsame Bestrebungen mit dem Berliner Architekten Jurek Brüggen potenzielle Abrissblöcke in quasi gestapelte Einfamilienhäuser mit viel Platz und Grün zu verwandeln.

Neues Wohnen in Stendal

Idee des Berliner Architekten Jurek Brüggen zu dem verlassenen Objekt zwei Bilder weiter oben. Die WBGA als Eigentümerin steht der Umsetzung sehr aufgeschlossen gegenüber. Ein passendes Programm für Fördermittel muss allerdings noch gefunden werden.
Grafik: Aimée Michelfelder, afea.site

Leerstand ist größer als kommuniziert

Auch wenn beide großen Wohnungsanbieter nur wenige freie Wohnungen auf dem Markt anbieten, darf man sich nicht täuschen lassen. Es stehen weitere nicht angebotene leer. Weiterer Bedarf an Wohnraum in der „Platte“ dürfte bei Stendalern nicht sonderlich groß sein.

Das sehen scheinbar auch die gewählten Stadtparlamentarier so, denn der Beschluss des Rückbaus hat weiterhin Gültigkeit. Die Einwohnerzahlen sind trotz Flüchtlingszuweisungen rückläufig. Gefragt, so ist aus dem Rathaus zu erfahren, ist Bauland zwischen 500 und 600 m² zum Errichten von Eigenheimen.

Nachfrage besteht bei Bauland für Eigenheime

Jüngst hat die Stadt 20 Parzellen zum Kauf angeboten, bei denen ziemlich schnell 14 verkauft wurden. Der Preis lag bei günstigen 13 Euro pro Quadratmeter. Zuzüglich Erschließungskosten lag der Quadratmeterpreis immer noch unter 40 Euro! Traumhaft für die Einwohner der Städte, die nur eine ICE-Station entfernt sind: Berlin und Wolfsburg.

Bauplätze für neue Eigenheime in Stendal?

Könnten in Stendal-Süd künftig Bauplätze für neue Eigenheime entstehen? Im Gegensatz zur Etagenwohnung in der Platte werden diese nachgefragt.

Ob der oder die Erwerber der Wohnblöcke sich das zum Vorteil machen können? Immerhin liegen die Wohnungen nur 1,5 Kilometer vom Bahnhof entfernt. Die Bushaltestelle befindet sich in der Hansestraße direkt vor der Haustür.

Möchtest du einen der vier Wohnblöcke ersteigern?

Möglich wäre das mit ein bisschen Vorbereitung noch bis zum 27. des Monats. Dazu müsstest du dich für die Auktion registrieren. Das bedeutet, deine Identität zu belegen, beispielsweise über das PostIdent-Verfahren, deine Steuer-Identifikationsnummer hinterlegen sowie einen Kapitalnachweis zu erbringen.

Du kannst vorab dein Maximalgebot schriftlich abgeben oder per Telefon mitbieten. Vielleicht hat es für dich einen Reiz, am 27. live im Berlin Hotel „Esplanade“ dabei zu sein.

Du würdest bei der Registrierung eine Bieterkarte erhalten, um persönlich durch Hochheben der Karte mitsteigern zu können. Leider wird die Auktion nicht live im Internet übertragen, aber ich werde vor Ort sein und du kannst den Verlauf auf unserer Instagram-Seite über „Storys“ miterleben.

Falls du das erste Mal bei einer Auktion mitbietest, plane diese Folgekosten der Transaktion ein:

  • 7,14 % Aufgeld für das Auktionshaus
  • 1,00 % Notar
  • 0,50 % Grundbuchamt
  • 5,00 % Grunderwerbsteuer.

Selbst wenn du eine Auktion gewinnst, bedeutet das nicht, dass du Eigentümer des Objektes wirst. In Deutschland gibt es generell Vorkaufsrechte. Beispielsweise bei Objekten, die für die Landwirtschaft oder den Naturschutz wichtig sind. Diese spielen bei den Wohnblöcken keine Rolle.

Aber die Dom- und Hansestadt Stendal hat ebenso ein gesetzliches Vorkaufsrecht. Da es den Stadtratsbeschluss gibt, diesen Stadtteil zurückzubauen, liegt die Ausübung des Rechts nahe. Ob sie es praktisch ausüben kann, ist eine andere Frage. Wenn sie es ausübt, müsste sie eins zu eins an die Stelle des Höchstbietenden treten und ob das die angespannte Haushaltslage zulässt?

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Überblick für dich: Stendal-Süd im Jahr 2000 und 2020

Stendal-Süd 2000 und 2020

Stendal-Süd im Jahr 2000 und 20 Jahre später. Markiert sind die Versteigerungsobjekte.
Quelle: Google Earth.

Schon gesehen?

Quellen:
verschiedene Volksstimme, AZ-online und Wikipedia-Artikel
Auktionsprospekt der Deutschen Grundstücksauktionen AG
Mietspiegel für Stendal 2025 von ImmobilienScout24
WBGA Stendal
Hansestadt Stendal

Wer schreibt hier?

Richard Banks lebt seit 2023 auf der Stadtinsel in Havelberg. Weil es kein Stadtmagazin gab, hat er dieses gestartet. Sonst ist er Investor und Creator. Kontakt aufnehmen?

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